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Niederuzwil: 15.07.2017
Das Podium mit Christine Mayr-Lumetzberger, Hans Schmidt, Moderatorin Barbara Schmid-Federer, Anita Rothauge und Simon Curau-Aepli.
Das Podium mit Christine Mayr-Lumetzberger, Hans Schmidt, Moderatorin Barbara Schmid-Federer, Anita Rothauge und Simon Curau-Aepli.

Gleich nach dem Podiumsende begannen die bilateralen Diskussionen unter den zahlreichen Interessierten.
Gleich nach dem Podiumsende begannen die bilateralen Diskussionen unter den zahlreichen Interessierten.

Kirche lebt nur mit den Frauen
Die Priesterin Christine Mayr-Lumetzberger aus Linz war Gast an einem Podium in der Seelsorgeeinheit Uzwil.

Cecilia Hess
Das Anliegen ist breit: Die Katholische Kirche soll die Frauen endlich wahrnehmen und als Gleichberechtigte mitwirken lassen. Zu diesem Thema veranstalteten Paul Gähwiler-Wick und Rolf Haag ein Podium mit Menschen, die sich immer noch und trotz aller Widerstände in der Kirche engagieren.

Vor 55 Jahren spielten zwei Primarschülerinnen «Messe». Ein Taburett diente als Altar, darauf kam ein Kreuz, ein Glas diente als Kelch, Brot als Hostien. Sie gingen jeden Sonntag mit ihren Familien zur Kirche und werktags in die Schülermesse. Die Eucharistie gehörte zu ihrem Leben. Was sie in diesem Alter nicht merkten: es standen nie Frauen am Altar. Sie spielten nach, was sie erlebten. Die Mutter eines der Mädchen fragte den Ortspfarrer, ob sie «Messe» spielen dürften. Sie durften.

Eines der Mädchen war aus einem anderen Kanton zugezogen. Es erzählte in der Schule, dass die Mädchen an ihrem bisherigen Wohnort ministrieren dürfen. Das entsprach zwar nicht der Wahrheit, aber im Mädchen muss sich die Ungerechtigkeit bemerkbar gemacht haben. Heute stehen am Altar zwar auch Frauen und es gibt vermutlich mehr Ministrantinnen als Ministranten, aber die Eucharistie feiert immer noch ein Priester und wo es um wichtige Entscheide geht, sind die Frauen ausgeschlossen.

Der lange Weg der Frauen
Am Donnerstagabend ging es genau um dieses Thema. Paul Gähwiler-Wick, Präsident des Kirchenverwaltungsrat Henau-Niederuzwil und Präsident des Katholischen Kollegiums, und Rolf Haag, pensionierter Pfarreileiter Oberuzwil, hatten zu einem Podium eingeladen. Auslöser dafür war die Pilgergruppe gewesen, die letztes Jahr zu Fuss nach Rom marschiert war, um darauf hinzuwirken, dass die Männer der Kirche mit den Frauen nachdenken und entscheiden sollen und nicht über ihre Rolle bestimmen.

Als prominenter Gast schaute Bischöfin Christine Mayr-Lumetztberger zu Beginn des Abends auf die Entwicklung der Frauenfrage in der Katholischen Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil von 1962 bis 1965 zurück. Damals hatte Aufbruchstimmung geherrscht. Es entstanden Frauensynoden, die Plattform «Wir sind Kirche» und ein Ausbildungsprogramm «Frauen für Weiheämter», damit die Frauen gerüstet gewesen wären, wenn der Tag der Weihe käme. Er ist bis heute nicht gekommen – auf jeden Fall nicht offiziell von der Kirche anerkannt.

Bekanntlich haben sich 2002 sieben Frauen auf einem Donauschiff zu Priesterinnen weihen lassen. Christine Mayr-Lumetzberger war eine von ihnen. Sie hat danach priesterliche Dienste ausgeführt und wurde exkommuniziert. Inzwischen ist sie zur Bischöfin geweiht worden. Sie bekennt sich noch heute zur Katholischen Kirche, weil ihr der eigentliche Auftrag an der Basis wichtig ist. Sie will mit Menschen im Glauben und in der Liebe unterwegs sein.

Priesterlich wirken
Obwohl üblicherweise Podiumsdiskussionen kontradiktorisch geführt werden, war dies in Niederuzwil anders. Barbara Schmid-Federer, CVP-Nationalrätin Kanton Zürich, moderierte die Gespräche, die alle in eine Richtung zeigten: Die Frauen sollen endlich gleichberechtigt mit den Männern in der Kirche mitwirken dürfen und mitentscheiden.

Die Moderatorin selber hatte im Vorfeld der Veranstaltung Drohbriefe erhalten und auch Christine Mayr-Lumetzberger kennt die Drohungen seit Jahren; trotzdem gab es auch im Publikum keine Gegenstimmen. So wurde der dichte Abend zu einem Zeichen, dass es Menschen vor Ort und an vielen anderen Orten ein Anliegen ist, dass sich die Kirchenlehre ändert, dass Kleriker Macht abgeben und sich der Basis zuwenden – zusammen mit den Frauen – dort, wo die Menschen mit ihren Anliegen leben und arbeiten, dort, wo zwischen den Menschen etwas passiert und lebt.

Als weitere Frauen, die aktiv in der Kirche sind, nahmen am Podium teil: Anita Rothauge, Katechetin in Niederuzwil und Simone Curau-Aepli, Präsidentin Schweizerischer Katholischer Frauenbund. Vor einem Jahr ist letztere gewählt worden. Sie sagte damals in einem Interview: «Natürlich bin ich für die Ordination von Frauen. Ich glaube aber auch an das allgemeine Priestertum: Wir alle sind berufen, unsere Charismen in die Kirche einzubringen. Persönlich fühle ich mich in meiner Tätigkeit als eine priesterlich wirkende Frau. Ich spüre, dass Frauen auch jetzt priesterlich wirken, auch wenn sie nicht den Segen der Kirche für dieses Amt haben.»

«Es braucht Mut von allen»
«Wir sind längstens nicht da, wo wir sein wollen», sagte Martin Schmidt, Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen, als einziger Mann in der Runde und meinte damit die Ordination von Frauen. Er kann sich sogar eine Päpstin vorstellen, weil die Frauen an den gleichen Orten sein sollen wie die Männer. Mühe machen ihm allgemein die fundamentalistischen Strömungen.

Als Praktikerin wies Anita Rothauge auf den Kernpunkt der Kirche hin: In der Basis die Liebe leben und die Anliegen der Menschen kennen und erkennen. Die Kirchenlehre stehe diesem Auftrag entgegen. Sie plädierte dafür, Pastoralassistentinnen und –assistenten zu ordinieren. «Es geht nicht ohne die Frauen. Es muss noch ein enormer Schritt getan werden. Wir sind da und bauen an einem starken Fundament mit», gab sie sich kämpferisch.

Die Macht und die damit verbundenen patriarchalen Strukturen der Kirche wurden angesprochen. «Ich verstehe die Arbeit in der Kirche als Dienst und nicht als Amt. Ich bin eine Dienstleisterin», sagte die Priesterin Christine Mayr-Lumetzberger, die für ihre Dienste in Gemeinschaften gerufen wird. Sie erfährt, wie Menschen nicht mehr von den offiziellen Seelsorgern betreut werden wollen. Sie ermuntert diese, sich trotzdem in der kirchlichen Gemeinschaft einzubringen. «Wir müssen miteinander auf dem Weg bleiben, statt uns zu verabschieden», sagte auch Anita Rothauge.

«Die Diskriminierung muss gestoppt werden», betonte Simone Curau-Aepli. «Es braucht Mut von allen. Es ist mehr möglich, als wir machen», sagte eine Stimme aus dem Publikum. Das Kirchenrecht müsse den Menschenrechten angepasst werden. «Es muss sich dringend etwas ändern, denn noch tragen die Frauen die Kirche, doch wenn sie davonlaufen, ist sie in Gefahr», waren andere Stellungnahmen an diesem engagierten Gesprächsabend.
Christine Mayr-Lumetzberger, Bischöfin.<br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br>
Christine Mayr-Lumetzberger, Bischöfin.













Martin Schmidt, Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen.<br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br>
Martin Schmidt, Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen.













Simone Curau-Aepli, Präsidentin Schweizerischer Katholischer Frauenbund.<br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br>
Simone Curau-Aepli, Präsidentin Schweizerischer Katholischer Frauenbund.













Anita Rothauge, Katechetin in Niederuzwil.
Anita Rothauge, Katechetin in Niederuzwil.

2002 liessen sich sieben Frauen auf einem Donauschiff zu Priesterinnen weihen. Das hatte Aufsehen erregt.
2002 liessen sich sieben Frauen auf einem Donauschiff zu Priesterinnen weihen. Das hatte Aufsehen erregt.

Barbara Schmid-Federer, Moderatorin.
Barbara Schmid-Federer, Moderatorin.

Frauen und Männer und über Konfessionsgrenzen gemeinsam auf dem Weg.
Frauen und Männer und über Konfessionsgrenzen gemeinsam auf dem Weg.

Die Organisatoren Paul Gähwiler-Wick (links) und Rolf Haag sehen Hoffnung für die Baustelle Kirche.
Die Organisatoren Paul Gähwiler-Wick (links) und Rolf Haag sehen Hoffnung für die Baustelle Kirche.

Anita Rothauge und Simone Curau-Aepli setzen sich je auf ihre Weise für das Fundament der Kirche ein.
Anita Rothauge und Simone Curau-Aepli setzen sich je auf ihre Weise für das Fundament der Kirche ein.