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St. Gallen: 13.09.2017
Die beiden Regierungsräte Martin Klöti (links) und Fredy Fässler (rechrs) engagieren sich für den wertvollen Einsatz der Religionsgemeinschaften.
Die beiden Regierungsräte Martin Klöti (links) und Fredy Fässler (rechrs) engagieren sich für den wertvollen Einsatz der Religionsgemeinschaften.

«Man schützt, was man schätzt»
Erste Veranstaltung der «St.Galler Konferenz zu Fragen von Religion und Staat»
pd
Was können Religion und Staat tun, um die Gesellschaft vor religiös oder politisch begründeter Gewalt zu schützen? Im Kantonsratssaal in St.Gallen diskutierten Kirchenratspräsident Martin Schmidt, Leila Medii, Vizepräsidentin DIGO, der Religionsforscher Andreas Tunger-Zanetti sowie Regierungspräsident Fredy Fässler und Regierungsrat Martin Klöti diese aktuelle Frage.

Mit der «St.Galler Konferenz zu Fragen von Religion und Staat» hat das Departement des Innern eine Plattform geschaffen, damit Religionsgemeinschaften und Vertreter von Politik und Verwaltung gesellschaftliche und politische Fragen regelmässig diskutieren können. Die meisten Zusammenkünfte und Erörterungen sollen weiterhin im kleinen Kreis stattfinden.

Heute geht es um Schutz vor Extremisten
Ungefähr alle zwei Jahre will die Konferenz aber zu einem aktuellen Thema eine öffentliche Veranstaltung organisieren. Erstmals fand eine solche am 12. September 2017 im Kantonsratssaal statt. Batja Guggenheim, Co-Präsidentin der Jüdischen Gemeinde St.Gallen, ging zu Beginn in ihrer Erklärung auf den langen Weg der Juden in St.Gallen bis zu deren öffentlich-rechtlichen Anerkennung im Jahr 1993 ein.

Heute stelle sich die Frage des Schutzes für die Jüdische Gemeinde vor allem im Zusammenhang mit extremistischen Gruppierungen, die Religionen und fanatische Ideologien instrumentalisieren - und hier seien Minderheiten besonders verletzlich. Es gehe der Gemeinde heute vor allem um die Sicherheit der Menschen und das Recht, sich in der Gemeinde und im Gebet friedlich zu versammeln. Guggenheim forderte deshalb einen proaktiven Schutz durch den Kanton.

Beachtliches Engagement der Religionen
In seiner einleitenden Rede hob Regierungsrat Martin Klöti, Vorsteher des Departementes des Innern, die Rolle der Religionen als «Produzenten» moralischer Rohstoffe in modernen, liberalen Staaten hervor. «Der Kanton St.Gallen stärkt und wertschätzt diejenigen Kräfte, die den Staat und die Gesellschaft stützen», betonte Klöti und verwies dabei unter anderem auf die bedeutenden sozialen und kulturellen Funktionen der Kirchen.

In dieser Tradition und auf der Basis von Freiheit und Eigenverantwortung seien die seit relativ kurzer Zeit in der Ostschweiz ansässigen Religionsgemeinschaften aufgefordert, sich ebenfalls für das hiesige Zusammenleben zu engagieren, so Klöti. Als Sozialminister betonte er zudem, dass eine wichtige Voraussetzung für die Wahrung des religiösen Friedens die Sicherung des sozialen Friedens sei. Darin enthalten sei das Ziel, dass alle Menschen ungeachtet von Herkunft und beruflichem Status in unserer Gesellschaft eine Perspektive finden und sich so mit unserem Land identifizieren könnten.

Wichtige Bildung der Imame und anderer Bezugspersonen
«Man schützt, was man schätzt» brachte Dr. Andreas Tunger-Zanetti vom Zentrum Religionsforschung der Universität Luzern das Thema der Veranstaltung auf den Punkt. Aus seinen Gesprächen mit islamischen Gläubigen wisse er, dass diese den freiheitlichen Staat in der Schweiz schätzen.

Auf die Frage, was die Religionsgemeinschaften noch entschiedener tun könnten, um die Gesellschaft vor religiös begründeter Gewalt zu schützen, empfahl er: «Die Religionsgemeinschaften sollen ihre religiösen Spezialisten noch bewusster auswählen und begleiten und zum Beispiel darauf bestehen, dass ihre Priester und Imame rasch eine Landesssprache flüssig sprechen und ihre Kenntnisse der Schweizer Gesellschaft und Strukturen laufend erweitern.» Ferner sollten sie der jüngeren Generation früher Verantwortung übergeben, weil diese die Schulen hier besucht hätten und dadurch mit der hiesigen Gegebenheiten vertraut wären.

Für Leila Medii, Vize-Präsidentin des Dachverbandes islamischer Gemeinden der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein (DIGO), ist klar, dass das authentischste Gegenmittel gegen eine unerwünschte Radikalisierung nur aus der muslimischen Mitte selbst entstehen kann und dort entwickelt werden muss.

Eine Plattform für politisch-institutionelle Begegnungen
An der anschliessenden Podiumsdiskussion diskutierten Kirchenratspräsident Martin Schmidt von der Evang.-ref. Kirche des Kantons St.Gallen, Leila Medii, Vizepräsidentin DIGO an Stelle des verhinderten Wiler Imam und Präsident des DIGO, Bekim Alimi sowie Dr. Andreas Tunger-Zanetti und die anwesenden Regierungsräte Wege, wie Staat und Religionsgemeinschaften gemeinsam zu einem besseren Schutz auf beiden Seiten beitragen können.

Gegen Missverständnisse vorbeugen
Zum Anlass hatte die «St.Galler Konferenz zu Fragen von Religion und Staat» eingeladen, in der sich mehrmals jährlich Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Religionen und Konfessionen sowie des Kantons treffen. Diese will konkrete Fragestellungen rund um das Verhältnis von Religion und Staat diskutieren, mit dem Ziel, früh die verschiedenen Positionen zu kennen und Missverständnissen vorzubeugen. Der Anlass war zudem eingebettet in die in dieser Woche im ganzen Kanton stattfindende interreligiöse Aktions- und Dialogwoche (ida).

Engagierte Podiumsdiskussion mit Kirchenratspräsident Martin Schmidt von der Evang.-ref. Kirche des Kantons St.Gallen, Leila Medii, Vizepräsidentin DIGO an Stelle von Bekim Alimi (kurzfristig verhindert)  sowie Dr. Andreas Tunger-Zanetti.
Engagierte Podiumsdiskussion mit Kirchenratspräsident Martin Schmidt von der Evang.-ref. Kirche des Kantons St.Gallen, Leila Medii, Vizepräsidentin DIGO an Stelle von Bekim Alimi (kurzfristig verhindert) sowie Dr. Andreas Tunger-Zanetti.