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Uzwil: 16.02.2017
<br>Die Lust am Bösen, Hintergründigen liess Mitra Devi in jeder Geschichte hervorblitzen.

Die Lust am Bösen, Hintergründigen liess Mitra Devi in jeder Geschichte hervorblitzen.

<br>Barblin Leggio-Hänseler, Schwester der Autorin, hauchte den Figuren aus den Büchern mit Stimme und gekonnter Gestik Leben ein.

Barblin Leggio-Hänseler, Schwester der Autorin, hauchte den Figuren aus den Büchern mit Stimme und gekonnter Gestik Leben ein.

<br>Der Mann schläft, dabei hätte seine Frau doch aufregende Neuigkeiten…

Der Mann schläft, dabei hätte seine Frau doch aufregende Neuigkeiten…

<br>Brachten viel Abwechslung in den Abend...

Brachten viel Abwechslung in den Abend...

Hinterhältige Gemeinheiten, sanft serviert…
Krimi-Abend in der Uzwiler Bibliothek
Annelies Seelhofer-Brunner
Mitra Devi hat bei Krimiliebhaberinnen und –liebhabern einen guten Klang. Ihre abgründigen Geschichten fesseln. Das Team der Bibliothek Uzwil tat mit diesem Engagement einen guten Fang. Eine grosse Zahl Interessierter verfolgte die von der Autorin vorgelesenen und von ihrer Schwester Barblin Leggio-Hänseler facettenreich veranschaulichten Gruselgeschichten. Der Flötist Erich Tiefenthaler setzte musikalische Kontrapunkte. Der Abend gefiel…

Vielseitige Frau
Wer sich auf der Homepage von Mitra Devi – ein Künstlername - umschaut, entdeckt eine äusserst vielseitige Frau, deren Lebensgeschichte selber schon Stoff für einen dicken Wälzer böte. Die Frau hat als Jugendliche zwei Jahre in Israel und ein halbes Jahr in Indien gewohnt und dabei ihren kulturellen Horizont geweitet. Sie hat in unzähligen Gebieten schon gearbeitet und dabei Einblicke in ganz unterschiedliche (Berufs-)Welten gewonnen.

Sie schreibt, sie malt, sie macht Dokumentarfilme und schreibt neuestens auch schräge, böse Gedichte. Ihre Privatdetektivin Nora Tabani ist unter ihren Fans bereits Kult geworden. An der Lesung in der Uzwiler Bibliothek lag ein kleines Prospektlein auf, welches die ganze Bandbreite der Talente von Mitra Devi beschreibt. Eine wahre Fundgrube für Interessierte, genau wie ihre Homepage.

Fundgrube für Geschichten
Mitra Devi verriet, wie sie zu ihren Geschichten kommt. Sie ist öfters mit der Bahn unterwegs. Da fällt ihr oft etwas auf, was ihre Neugierde weckt und sich in ihrem Kopf eine neue Geschichte verwandelt. Und weil die Frau mit offenen Augen durch die Welt geht, gibt es überall Anstösse für neue Geschichten.

Spannende Darbietung
Es ist für eine Autorin ein Glücksfall, wenn man eine Schwester hat, die Schauspielerin ist und deshalb die eigenen Texte auch szenisch umsetzen kann. Mitra Devi hat dieses Glück. Seit 2003 sind die beiden Schwestern immer wieder so auf Lesetour. Barblin Leggio-Hänseler hat eine reiche Erfahrung als Schauspielerin auf verschiedenen Bühnen, dazu eine tragende, modulationsfähige Stimme, die auch ohne Mikrofon bis in die hintersten Ecken einer Bibliothek dringen kann, und ausserdem eine spannende Mimik, der die Lust am Vorgetragenen ins Gesicht geschrieben steht.

Dieser Wechsel zwischen Gesprochenem und Dargestelltem erzeugt eine zusätzliche Spannung. Und Spannung ist es ja schliesslich, was Krimifans suchen. Man fühlte sich denn auch in Uzwil als Publikumsgast bestens unterhalten, obwohl einem hie und da das Lachen doch etwas im Hals stecken bleiben mochte. Aber auch das gehört zu einem richtigen Krimi-Abend.

Sprachliche Brillanz
Die Texte von Mitra Devi sind klar, ihre Sätze oft knapp und nüchtern. Und doch entwickeln sie einen ganz eigenen Sog, der Lust auf Selberlesen macht. Die beiden Schwestern eröffneten den Abend mit der kurzen Geschichte „Happy Birthday“. Da will eine Frau ihrem Mann eine Freude machen und organisiert ein ganz besonderes Geschenk für ihn. Doch wie erwartet gibt es auch hier einen völlig andern Ausgang der Geschichte als gemeinhin angenommen.

Heimliche Sehnsüchte
Abzocker kommen in ihren Geschichten ebenfalls vor. Aber auch psychologische Probleme, möglicherweise gar aus Primarschulzeiten, werden von Mitra Devi angegangen. Da gibt es beispielsweise einen Schlagabtausch zwischen einer hochnäsigen Gans, zwar gebildet, aber nicht unbedingt herzensgebildet, und einer unscheinbaren, molligen und nicht eben reichen Frau. Auch hier führte die Geschichte um mehrere Ecken herum zu einem verblüffenden Ende.

Wie schön wäre es doch, wenn man missliebige Mitmenschen einfach so aus dem Weg räumen könnten, ohne Folgen für einen selber, aber doch nachhaltig für das persönliche Wohlbefinden. Doch zum Glück gibt es eine innere Instanz, welche das in einer Geschichte oder einem Film absolut in Ordnung findet, nicht aber im wahren Leben. Mani Matter hat dies in seinem Lied „Hemmige“ sehr schön beschrieben.

Schreibblockade
Dieses Wort ist bei Menschen, die sich mit Schreiben befassen, sehr gefürchtet. Auch Mitra Devi befasst sich in einer Geschichte mit diesem Phänomen, allerdings nicht aus autobiografischer Sicht. Sie habe schon immer den Wunsch gehabt, eine Kürzestgeschichte zu schreiben. Dies sei nun ein Krimi in einem Satz. Dieser Satz hatte es in sich und verblüffte.

Grippe als Rhythmusgeberin
Als Abschluss gab es rabenschwarze Gedichte, eine neue Sparte in Mitra Devis vielfältigem Schaffen. Die Autorin verriet, dass diese vor allem in Grippezeiten entstünden. Ein wenig Fieber und Delirium, und schon seien die gereimten Geschichten da, aber nach dem Grippe-Anfall grad wieder verschwunden. In der Schule habe sie Gedichte allerdings noch überhaupt nicht gemocht. Doch sie hat einen zügigen Rhythmus und verblüffende Reime für ihre schwarzen Gedichte gefunden. Selbst ein unangenehmer Zahnarztbesuch kann dafür Grundlage werden.

Das Böse in uns
Mitra Devi hat scheinbar die Kriminalstatistik studiert und gesehen, dass ältere Damen bei Straftaten unterdurchschnittlich vertreten sind. Um da einen kleinen Ausgleich zu schaffen, gibt sie dieser Bevölkerungsgruppe in ihren Krimis Raum und lässt morden, vergiften, erpressen, verleumden, was das Zeug hält. Sie trifft damit einen Nerv der Zeit. In jedem Menschen schlummern dunkle Triebe, allerdings lassen die wenigsten diese ans Tageslicht. Doch was verdrängt wird, kommt auf Umwegen vielfach dennoch zum Vorschein.

Wer über Mord und Totschlag schreibt, muss zum Glück keine persönliche Erfahrung mit diesen Scheusslichkeiten haben…Kriminalgeschichten bieten jedoch ein gutes Ventil, um in Gedanken zwar böse zu sein, aber dennoch nicht selber straffällig zu werden. Wenn die Geschichten dann noch so verschlungene Wege gehen wie bei Mitra Devi, wird auch der intellektuelle Anspruch befriedigt.

Mehrstimmiges Konzert trotz Solo-Auftritt
Erich Tiefenthaler ist Musiker, spielt verschiedene Instrumente und brachte an diesem Krimi-Abend nach jeder Geschichte zwei kleine Musikperlen auf seiner Querflöte zu schaurigen Filmgeschichten zu Gehör. Dazwischen kam auch eine Tenor-Querflöte zum Zug. Mit einem Loop-Gerät nahm er erst eine Sequenz auf, spielte darauf eine weitere Melodie darüber und schuf so ein mehrstimmiges, fugenartiges Hörvergnügen. Die Endlosschlaufe des Anfangs habe allerdings auch ihre Tücken, verriet Tiefenthaler augenzwinkernd. „Auch ein Fehler ertönt dann bis in alle Ewigkeit…“ Davon war allerdings nichts zu hören.

Viele seiner vorgetragenen Stücke stammten aus bekannten Filmen wie „Pink Panther“, „Miss Marple“, „James Bond“ oder auch „Kommissar Maigret“, von Krimifans im Publikum bestimmt auch ohne Programmblatt schon vom ersten Ton an als vertraut und bekannt wahrgenommen. Diese musikalischen Einschübe boten einen wohltuenden, sanften Kontrast zu den gehörten bösen Geschichten und Gedichten. Spannung und Entspannung liessen den Abend wie im Flug vergehen.

Appenzeller Verlag
Mitra Devis Bücher werden in unterschiedlichen Verlagen verlegt, einige auch im Appenzeller Verlag. Dieses Haus ist für besonders sorgfältige Ausstattung seiner Bücher bekannt. Lesen hat schliesslich auch viel mit Sinnlichkeit zu tun. Ein schön gestaltetes Buch, in angenehmer Papierqualität ausgeführt, steigert das Vergnügen zusätzlich. Das kann kein Online-Medium bieten.


Nächster Anlass in der Bibliothek
Gschichtezyt für die Kleinen – bis vier Jahre

Montag, 20. März 2017 von 15.00 - 15.30 Uhr oder 16.00 - 16.30 Uhr
Oder am Donnerstag, 23. März 2017 zu den gleichen Zeiten wie am Montag


Bibliothek Uzwil

Mitra Devi

Barblin Leggio-Hänseler

Appenzeller Verlag Schwellbrunn

Stefan Eicher - Hemmige


<br>Erich Tiefenthaler lockerte die doch eher kopflastigen Geschichten mit gefühlvoll und virtuos vorgetragenen, zu den Kriminalfällen passenden Stücken auf, hier auf der üblichen Querflöte...

Erich Tiefenthaler lockerte die doch eher kopflastigen Geschichten mit gefühlvoll und virtuos vorgetragenen, zu den Kriminalfällen passenden Stücken auf, hier auf der üblichen Querflöte...

<br>... und hier auf der Tenor-Querflöte, dank Loop-Gerät als kleines Orchester wahrgenommen.

... und hier auf der Tenor-Querflöte, dank Loop-Gerät als kleines Orchester wahrgenommen.

<br>Bibliotheksleiterin Jolanda Erismann begrüsste die zahlreich erschienenen Interessierten...

Bibliotheksleiterin Jolanda Erismann begrüsste die zahlreich erschienenen Interessierten...

<br>..und bedankte sich am Schluss bei den beiden Frauen und dem Musiker mit einem "schokoladigen" Geschenk.

..und bedankte sich am Schluss bei den beiden Frauen und dem Musiker mit einem "schokoladigen" Geschenk.