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Wil: 09.01.2018
Langanhaltender Applaus in der Kreuz-Kirche für Stephan Gigers anspruchsvolle Darbietung.<br>
Langanhaltender Applaus in der Kreuz-Kirche für Stephan Gigers anspruchsvolle Darbietung.


Nachweihnächtliche Einkehr – musikalisch
Jede Orgel hat ihre bestimmte Ausstrahlung, die jede Kirche zieren.
Peter Küpfer
Toccata Wil organisierte am Sonntag zum 15. Mal seinen traditionellen Orgelspaziergang in nachweihnächtlicher Zeit. Die Gelegenheit zur besinnlichen Einkehr wurde von zahlreichen Wilerinnen und Wilern wahr genommen.

Wie Marie-Louise Eberhard, Organisatorin und Sprecherin des Orgelspaziergangs nach der Begrüssung im Gespräch sagte, ist die Idee zur Durchführung des jährlich stattfindenden Anlasses auch davon inspiriert, dass Wil über eine Vielzahl von Kirchen auf kleinstem Raum verfügt. Jede hat ihre bestimmte Ausstrahlung, die unterschiedlichen prächtigen Orgeln, die jede Kirche zieren, geben ihr auch ihr musikalisches Gepräge.

Beachtliches Echo
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses musikalischen Spazierganges durch die Kirchen Wils wurden für ihr aktives Mittun mit einem anspruchsvollen und reichhaltigen Programm entschädigt. Der Anlass stösst auch heute noch auf ein beachtliches Echo. So zeigte sich Marie-Louise Eberhard Huser in ihrer Begrüssung denn auch erfreut, dass sich schon am früheren Nachmittag eine stattliche Zahl von Zuhörerinnen und Zuhörern in der Neuapostolischen Kirche einfanden, wo der musikalische Spaziergang seinen Anfang nahm.

Ausgewogenes Programm
Dem trug das sorgfältig arrangierte Programm Rechnung. Die Eröffnung brachte zwei Stücke von Altmeister Buxtehude, mächtig und innig. Dem schloss sich das melodiöse Präludium mit Fuge G-Dur von Mendelssohn an. Die überschaubaren Verhältnisse gerade in dieser Kirche, mit Jens Wiech am Podium, riefen einem eindrücklich in Erinnerung, dass die Orgel „den ganzen Menschen“ verlangt. Buchstäblich muss das anspruchsvolle Instrument ja „mit Händen und Füssen“ (von der Seele gar nicht zu sprechen) gespielt werden, was mit Könnerschaft demonstriert wurde.

Den Sprung in die Neuzeit machte Giuseppe Isaiello mit einem anspruchsvollen Programm in St. Peter, das ganz Komponisten der Neuzeit gewidmet war. Es reichte von Ulrich Knörr (geb. 1960) über de Jong, Fletcher, Bossi bis zu Théodore Dubois. Ebenso virtuos und anspruchsvoll gestaltete sich das dreigliedrige Programm, das Stephan Giger auf „seiner“ Kuhn-Orgel (mit 48 Registern!) in der Kreuz-Kirche absolvierte. Zuerst folgte man einer lieblichen, manchmal verspielten Variation auf „Ihr Kinderlein kommet“ aus der Feder des süddeutschen Organisten Karl Alois Mack, dann dem zeitweise stürmischen „In dulci jubilo“ von Willy Burkhard, schliesslich der Rhapsodie on Old French Carols von William Faulkes.

Ausklang mit Paul Huber
Lieblich ging es in der bis zum letzten Platz gefüllten Klosterkirche St. Katharina weiter. Hier „erholte“ man sich von den streckenweisen reibenden bis atonalen Klängen der Neuzeit bei traditionelleren Tönen, die einen ebenso lebendig in Höhen und Tiefen der Orgelwelt entführten. Antonia Ruesch Lengwiler gab mit ihrer transparent gespielten Violine dem Konzert einen besonderen Glanz. Monika Bernold-Bissig an der angenehm gedämpften Albietz-Orgel kontrastierte die jubelnde Violine mit einem angenehmen, warmen und eigenständig agierenden Basso continuo: ein ansprechendes, besinnliches Programm mit Glanzstücken des Barock, von Vivaldi und Bach über Rheinberger und Manfredini bis zu Händel.

Zu Ehren von Paul Huber
Den Schlussakkord setzte Marie-Louise Eberhard Huser dann in der stimmungsvoll beleuchteten Stadtkirche. Zu Ehren von Paul Huber, dessen 100. Geburtstag sich jährt, war ihr Programm ganz dem St. Galler Komponisten gewidmet, der 2001 verstorben ist. Wie bei Willy Burkhard war auch bei den von Eberhard intonierten Titeln von Huber der Jubel über das weihnächtliche Ereignis erst nach aufwühlendem Ringen des Komponisten um Trost spürbar: in „Adeste fideles“ so gut wie in den Variationen zu „Stille Nacht“ oder der „Toccata über die Glocken des Domes zu St. Gallen“.

Gerade das majestätisch daherkommende Schluss-Stück aus der späteren Schaffensphase von Huber erinnerte daran, dass der aus dem Italienischen stammende Begriff „Toccata“ auch damit zu tun hat, uns zu berühren, manchmal auch zu erschüttern. Auch in St. Nikolaus war die grosse Zahl der Zuhörenden unübersehbar. Offensichtlich stösst die von Toccata Wil gebotene Möglichkeit, zwischen dem Trubel der Festtage und dem sich schon ankündigenden fasnächtlichen Treiben einen musikalische Einkehr einzuschalten, nach wie vor auf grossen Zuspruch.
Ein eindrücklicher „Zug“ von Orgelbegeisterten wanderte durch Wil, von Kirche zu Kirche.
Ein eindrücklicher „Zug“ von Orgelbegeisterten wanderte durch Wil, von Kirche zu Kirche.

Nach dem Konzert: Blick auf das weihnächtlich geschmückte Fenster im Klosterhof St. Katharina
Nach dem Konzert: Blick auf das weihnächtlich geschmückte Fenster im Klosterhof St. Katharina

Blick in die festlich geschmückte Stadtkirche mit dem Paul Huber gewidmeten Orgelkonzert (an der Orgel Marie-Louise Eberhard Huser)
Blick in die festlich geschmückte Stadtkirche mit dem Paul Huber gewidmeten Orgelkonzert (an der Orgel Marie-Louise Eberhard Huser)

Das Orgelspiel verlangt den „ganzen Menschen“: an der Orgel der Neuapostolischen Kirche Jens Wiech, assistiert von Mona Kübler.
Das Orgelspiel verlangt den „ganzen Menschen“: an der Orgel der Neuapostolischen Kirche Jens Wiech, assistiert von Mona Kübler.

Willkommene Gelegenheit zur Einkehr: Moment in St. Peter.
Willkommene Gelegenheit zur Einkehr: Moment in St. Peter.