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Wil: 18.01.2018
An warmen Sommerabenden fühlt man sich auf dem Wiler Bärenplatz wie auf einer italienischen Piazza.<br>Fotos: z.V.g.
An warmen Sommerabenden fühlt man sich auf dem Wiler Bärenplatz wie auf einer italienischen Piazza.
Fotos: z.V.g.

Die alljährlichen Sommer-Serenaden in der Altstadt sind beim Publikum sehr beliebt.
Die alljährlichen Sommer-Serenaden in der Altstadt sind beim Publikum sehr beliebt.

Italianità auf dem Bärenplatz
Die Wiler Altstadt rückt im kommenden Frühjahr noch näher ans Mittelmeer.
Adrian Zeller
In der Altstadt-Metzgerei erwarben die Kunden noch vor wenigen Jahren Schamauchenwürste und Kalbshaxen, ab März werden dort, im `El Pincho zum Wilden Mann`, Tapas präsentiert. Der gastronomische Schwenk Richtung Süden ist kein Zufall, er ist Teil eines internationalen Trends. Wil wird südländischer.

Bistecca und Barolo
In der Wiler Altstadt und ihrem Umgelände wird das Angebot an Speisen und Getränken aus dem Mittelmeerraum zunehmend vielfältiger: Im ehemaligen `Restaurant Weiher`, heute `Laghetto`, werden seit Jahren Pasta und Pizza serviert.Die `Vinothek Freischütz` hält ebenfalls italienische Weine und Speisen feil. Und im früher für seine gutbürgerliche Küche bekannte `Restaurant Adler` lassen es sich die Fans der tunesischen Küche im `L`olivier` schmecken.

Ehemals Da Vinci
Gegenüber der Tonhalle kommen Liebhaber der spanischen-schweizerischen Küche im `Barcelona` auf ihre Rechnung. Früher hiess es `Central`. Die `Café Bar La Moka` an der Marktgasse kann nicht über Gästemangel klagen. Wo einst `Hirschen` angeschrieben stand, genossen die Gäste während Jahren im `Da Vinci` italienische Spezialitäten. Heute ist der Stil der Küche bei `Tres Amigos` mexikanisch.

Mehr Sitzplätze im Freien
Dass die südländische Lebensweise in all ihren Formen beim mitteleuropäischen Publikum auf immer mehr Gegenliebe stösst, hat mit einem allmählichen Mentalitätswandel zu tun, glauben Forscher der Berliner Humboldt-Universität. Er lässt sich in vielen Städten nachweisen.

Ein Beleg für diesen Einfluss ist etwa die steigende Nachfrage nach Aussenbestuhlung. Mussestunden im Freien werden immer beliebter. Zürich beispielsweise verzeichnete im vergangenen Jahr 700 Sitzplätze mehr in im Aussenbereich von Gaststätten. Allerdings wurden an den Wochenenden auch die Polizeipatrouillen verstärkt, die Geselligkeit unter freiem Sternenhimmel blieb nicht immer friedlich.

Auch das beliebte Fahren mit der Vespa sowie das Konsumieren von Espresso , Latte macchiato und Aperol Spritz sind weitere Anzeichen des verstärkten italienischen Flairs.

Internationale Speisen
Als Gründe für das sich wandelnde Lebensgefühl diesseits des Gotthards erkennen die Berliner Forscher ein Bündel von Ursachen: zunächst ist da die Zuwanderung, die das Menüangebot immer vielfältiger werden lassen. Migranten haben die Schweizerinnen und Schweizer nicht nur auf Frühlingsrollen, Kebab und Nasi Goreng aufmerksam gemacht, in Wil gibt es neuerdings ein libanesisches Restaurant, und auch die Freunde der indischen Aromen werden fündig.

Ferienerinnerungen
Ein weiterer Grund ist der Tourismus, die Einwohner der Schweiz gehören zu den reisefreudigsten Völkern der Welt, die wachsende Sympathie für griechischen Salat, Fruta di mare und Gelati sind die Folgen. Was man auf Elba, Fuerteventura oder Kreta geniessen gelernt hat, möchte man zuhause nicht missen.

Zusätzlich kommt der Trend zur Verpflegen unterwegs: Pizza, Focaccia und Bruschetta sind in der schnelllebigen Zeit die handliche Alternative zum Hackbraten mit Kartoffelstock und Karotten in der Schulmensa oder in der Firmenkantine.

Lesebank und Yoga
Für die Forscher gibt es weitere Gründe: die Menschen wollen sich weniger festlegen als früher, dank der Digitalisierung werden die Grenzen zwischen der Arbeitswelt und der Freizeit fliessender, einen Geschäftstermin kann man per Smartphone auch von einer Parkbank aus vereinbaren. Und für das Entwickeln eines kreativen Businesskonzeptes braucht es nicht unbedingt ein Sitzungszimmer, auch ein lauschiges Plätzchen im Freibad unter einem Sonnenschirm beflügelt die Fantasie. Das Geschäftsessen eines Startups kann auch mal der Pizzaservice vorbeibringen.

Zudem suchen die Menschen wieder vermehrt das unmittelbare Erlebnis, die Präsenz einer Live-Musikerin unter freiem Himmel fühlt sich weit intensiver an als ein Musikclip auf Youtube. Und das Kochen und das Grillieren mit Freunden zählen zu einer beliebt gewordenen Freizeitbeschäftigung.

Belebte Gassen und Plätze
Der Trend zum südländisch inspirierten lässigen Leben im Freien erfreut in der Wiler Altstadt auf vielfältige Weise die Gäste wie die Bewohner. Jeden Sommer werden die Stühle in den Restaurants in der Kirch- und in der Marktgasse sowie auf der Hofterrasse, auf dem Bären- oder dem Lindenplatz nach draussen gestellt. Und man setzt sich in der Mittagspause auf eine Bank oder auf die Holzplattform am Stadtweier und saugt die wärmenden Sonnenstrahlen in sich auf.

Lesen unter freiem Himmel
Jeweils an drei Sommerabenden lädt alljährlich der Verein Tourismus Wil zu den Altstadt-Serenaden ein. Schon länger organsiert die Stadtbibliothek im Sommer die Lesebank unter freiem Himmel. Momentan wird ein Pächter für die Freiluft-Gastronomie am Stadtweier gesucht. Von Mitte Juni bis Mitte August trainiert am Freitagmorgen eine offene Yogagruppe ihre gesundheitsfördernden Körperstellungen am Stadtweier.

Wärmere Sommer
Die Entwicklung in Richtung südlicher Lebensstil wird gemäss den Wissenschaftlern auch von der Klimaerwärmung begünstigt. Die Forscher rechnen in den kommenden Jahren mit noch mehr Sommertagen, an denen das Thermometer über 25 Grad steigt. Und auch die Tropennächte werden häufiger.
Die lauen Abende geniessen viele Menschen gerne im Aussenbereich. Für den TV-Krimi muss man sich dank Tabletcomputer nicht mehr gezwungenermassen ins Wohnzimmer setzen.

Die Kehrseite der Medaille
Nicht immer bleibt die Dolce far niente -Stimmung ungetrübt, getreu dem Grundsatz: des einen Freud, des anderen Leid. Der Trend zu mehr Alltag im Freien bringt auch unerwünschte Nebenerscheinungen mit sich. Nicht alle, die sich unkompliziert verköstigen, entsorgen ihre Pizzaschachteln, Glacéumhüllungen und ihre PET-Flaschen in den Abfallkübeln.

Laut Medienberichten mehren sich zudem in Basel und verschiedenen weiteren grösseren Schweizer Städten die Reklamationen betreffend Uringestank im öffentlichen Raum. Und auch die verschiedenen Gerüche von Grillgut kommen nicht überall gut an. Weiteren nerven sich die Bewohner der Innenstädte über vermehrten nächtlichen Lärm.

Innerstädtische Lebensqualität
Auch wenn die zunehmende Italianità in Schweizer Städten die Spannungen zwischen Ruhebedürftigen und Nachtschwärmern steigert, werten die Forscher den Trend zum mediterranen Lebensstil als positiv. Er trage zu einer Aufwertung der Innenstädte bei, weil er den öffentlichen Raum attraktiver mache.

Die Lesebank ist im Sommer zu einer fixen Einrichtung geworden. Im Bild der Eröffnungsanlass 2017 in Zusammenarbeit mit den Wiler Poeten.<br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br>
Die Lesebank ist im Sommer zu einer fixen Einrichtung geworden. Im Bild der Eröffnungsanlass 2017 in Zusammenarbeit mit den Wiler Poeten.




















Kulinarische Ferienstimmung auf dem Teller.<br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br>
Kulinarische Ferienstimmung auf dem Teller.





















Drei junge Gastronomen bieten ab Frühjahr im `El Pincho zum Wilden Mann` spanische Spezialitäten an.<br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br>
Drei junge Gastronomen bieten ab Frühjahr im `El Pincho zum Wilden Mann` spanische Spezialitäten an.





















Das Angebot an mediterranen Speisen wird in der Altstadt zunehmend vielfältiger.
Das Angebot an mediterranen Speisen wird in der Altstadt zunehmend vielfältiger.

In den Sommermonaten nutzt eine offene Yogagruppe jeden Freitag die Morgenstimmung am Stadtweier. Sie wird von der Yogalehrerin Gina Besio geleitet.
In den Sommermonaten nutzt eine offene Yogagruppe jeden Freitag die Morgenstimmung am Stadtweier. Sie wird von der Yogalehrerin Gina Besio geleitet.

In der ehemaligen `Boutique Fisch` werden heute italienische Lebensmittel angeboten.
In der ehemaligen `Boutique Fisch` werden heute italienische Lebensmittel angeboten.

Einige Schlucke Italianità in der Wiler Altstadt.
Einige Schlucke Italianità in der Wiler Altstadt.

Bigi Amstutz und Franco Diomaiuta haben mit ihrer` Café Bar La Moka` zusätzliches südliches Flair in die Altstadt gebracht.
Bigi Amstutz und Franco Diomaiuta haben mit ihrer` Café Bar La Moka` zusätzliches südliches Flair in die Altstadt gebracht.

Die typisch italienische Espressokanne, La Moka genannt, stand der` Café Bar La Moka` bei der Namensgebung Pate.
Die typisch italienische Espressokanne, La Moka genannt, stand der` Café Bar La Moka` bei der Namensgebung Pate.

Der zunehmende mediterrane Einfluss macht sich auf vielfältige Weise bemerkbar.
Der zunehmende mediterrane Einfluss macht sich auf vielfältige Weise bemerkbar.

In der Altstadt gibt es immer öfter auch südlich inspirierte Überraschungen fürs Ohr.
In der Altstadt gibt es immer öfter auch südlich inspirierte Überraschungen fürs Ohr.

Italienische Delikatessen werden in der Schweiz zunehmend beliebter.
Italienische Delikatessen werden in der Schweiz zunehmend beliebter.

Der Mittelmeerraum ist näher an die Altstadt herangerückt.
Der Mittelmeerraum ist näher an die Altstadt herangerückt.