Mo, 05.03.2007
Jahrgang 8, Nr. 2621
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„Warum hast du mich nicht gewarnt?“
Julia und Maya Onken: Streitgespräch zwischen Mutter und Tochter

06.02.2007, Annelies Seelhofer-Brunner
Helga S.Giger, ehemalige Absolventin des Frauenseminars Bodensee (FSB), hat eine persönlichen Draht zu Julia Onken, der erfolgreichen Schulgründerin und Autorin von Bestsellern, welche die Situation der Frau von heute genau und auf gut bekömmliche Weise auf den Punkt bringen.

Blumen und strahlende Gesichter nach einem vielfältigen Plädoyer für bessere Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familie: Maya und Julia Onken (v.l.)
Gespannt lauscht Maya Onken den Ausführungen von Helga S.Giger, Initiantin und Namensgeberin des „Café Giger“.
Julia Onken ist nicht nur eine feurige Rednerin, sondern auch eine respektvolle Zuhörerin.
Tochter Maya Onken: Streiten kann auch lustvoll sein und Dinge in Gang bringen…
Das Streitgespräch zwischen Tochter und Mutter, durch ein aufrüttelndes E-Mail von Seiten der Tochter eingeläutet, hat zu einem Buch geführt. „Hilfe, ich bin eine emanzipierte Mutter“ befasst sich mit all den Stolpersteinen auf dem Weg zu einer gelungenen Synthese von Mama, Karriere und persönlichem Wohlbefinden.

Diese Diskussion wurde kürzlich auch im Café Giger in Flawil geführt. Zahlreiche Personen, darunter auch einige Männer, fanden sich ein, um dem Zwiegespräch von Mama und Tochter zu folgen. Dabei machte Julia Onken gleich zu Beginn klar, dass es nicht um bessere oder schlechtere Familienmodelle gehe, sondern einzig darum, dass jede Frau die ihr zusagende Form wählen können sollte.

Mit einem E-Mail fing alles an
So wütend war Julia Onken schon lange nicht mehr gewesen. Da wagte es doch ihre Tochter Maya, akademisch gebildet und glücklich verheiratete Tochter mit einem Goldstück von einem Ehemann und zwei reizenden Kindern, ihr, Mutter dieser privilegierten jungen Dame, Vorwürfe übelster Art zu machen.

Dabei hatte sie ihren zwei Töchtern doch gezeigt, dass alles möglich sei, die Weltentüre sperrangeloffen stehe. Und nun das! Doch die Mama verweigerte das Gespräch nicht, fing die aufgeworfenen Vorwurfsbälle auf und spielte zurück. Ein Dialog begann, der bald alle möglichen Felder der weiblichen Überforderung im Spagat zwischen Beruf und Familie berührte.

Anspruch der jungen Generation
Viele junge Frauen sind sich heute gewohnt, dass ihnen die Welt zu Füssen liegt. Völlig selbstverständlich nehmen sie sich das Recht, zu lernen und zu studieren, was ihnen entspricht. Sie bestimmen über ihr Leben, teilen ihre Wünsche klar mit, lassen sich nicht einschränken. Sie steigen in einen anspruchsvollen Beruf ein, sehen die Karriereleiter vor sich, doch dann…

Doch ebenso haben viele Frauen den Wunsch nach Kindern, möchten beides vereinbaren können, werden frohgemut schwanger. Doch spätestens nach dem Schwangerschaftsurlaub kommt das grosse Dilemma. Wie lassen sich nun die beruflichen Pläne von Muttersein, Karriere, guter Ehefrau und persönlichem Wohlbefinden, kurz „Lifebalance“ genannt, unter einen Hut bringen? Die Umstände in der Schweiz sind da wenig hilfreich, beanspruchen ausgeklügelte Managerkompetenzen, die sich jedoch nicht in gesellschaftlicher – und schon gar nicht in finanzieller - Anerkennung auszahlen.

Ausflug in die Situation der Frau heute
Wenn ein Kind kommt, verkompliziert sich das System von einem Tag auf den andern. Alles muss um das Kind herum organisiert werden. Schliesslich will man die beste Mutter, das beste Elternpaar sein. Und da beginnt der Stress. Die Frau kann es machen, wie sie will, es ist immer falsch. Der „Arbeitskreis Emanzipation Bonn von 1975“ hat dazu Thesen aufgelistet, die von den beiden Frauen dialogisch vorgestellt wurden, etwa: „Gibt sie ihre Kinder in die Kinderkrippe, ist sie eine Rabenmutter. Bleibt sie zuhause, verkommt sie hinter dem Kochtopf.“ Oder auch: „Zeigt sie Gefühle, ist sie eine Heulsuse. Beherrscht sie sich, ist sie ein Eisberg“.


Im Moment ist eine unsägliche Diskussion im Gang, welches Familienbild jetzt das richtige sei. Ist die Mutter, die sich für ihre Kinder und den Mann aufopfert, die bessere Mutter, die berufstätige dagegen von vornherein eine schlechte? Verkümmert die Frau, die „nur“ zuhause bleibt, in ihrer intellektuellen Entwicklung? Sollte es nicht möglich sein, für sich zu entscheiden, was im eigenen Falle passend ist, ohne sich durch Vorurteile, Vorhaltungen und Ratschläge von allen Seiten verunsichern und zu schlechtem Gewissen verleiten zu lassen?

Alles ist politisch
Zahlen aus Presse und Statistikstellen lassen aufhorchen. In der Schweiz werden laut Cash-TV und der Zeitung Cash pro Jahr 4,2 Milliarden (4'200 000 000!) Franken mit Prostitution „erwirtschaftet“, wobei fast die Hälfte der illegalen Prostitution zugerechnet wird. Würde nur ein Prozent dieses Geldes – 42 Millionen - für kinderbetreuende Institutionen eingesetzt, könnten viele Probleme berufstätiger Mütter gelindert werden. Heute noch leisten – laut Uno- Bericht - Frauen weltweit 2/3 der Arbeit – davon sehr viel unbezahlte - erhalten aber nur 10 % Lohn dafür. Und nur 1 % des Weltvermögens liegt in weiblicher Hand.

Laut schweizerischen Lohnumfragen gibt es in höheren Kadern bis heute Unterschiede bis 22 % zwischen Frauen- und Männerlöhnen. Und noch immer fehlen unzählige Kinderbetreuungsplätze. Um dies zu ändern, braucht es aber Rahmenbedingungen, die durch die Politik vorgegeben werden müssen. Deshalb ist es wichtig, dass sich mehr Frauen politisch einbringen und hier Abhilfe schaffen helfen. Zusammen mit Männern, denen Gerechtigkeit der Lastenverteilung von Arbeit und Geld wichtig ist, sollte es möglich werden, eine hilfreiche Lösung auch in der Schweiz zu erreichen.

Erkenntnisse
Verschiedene Generationen entwickeln verschiedene Strategien, um ihre Probleme zu lösen. Jede Familie muss das für sie gültige Modell finden. Die Männer sind dabei ebenso gefragt wie die Frauen. Ohne familienfreundliche Arbeitszeitmodelle, Kinderbetreuungsstätten und ein Umdenken der Gesellschaft als Ganzes wird die Überforderung von gut ausgebildeten, topmotivierten Frauen anhalten. Da auch die immer geringere Kinderzahl pro Familie für die Zukunft Probleme verschiedenster Art – AHV, Betreuung alter Menschen, Arbeitskräftemangel – mit sich bringt, braucht es Strukturen, die Arbeit und Familie vereinbar werden lassen.

Auch die Wirtschaft ist gefordert, familienverträgliche Anstellungsbedingungen zu schaffen, die es einem „erziehungswilligen“ Mann erlauben, auch in der Familie seinen Beitrag zu leisten, ohne seine Karriere zu gefährden. In Europa haben die Länder am wenigstens Geburtenrückgänge, welche eine funktionierende Infrastruktur aufgebaut haben. Frankreich und die skandinavischen Länder nehmen da eine Vorreiterrolle ein. Warum nicht von ihnen lernen, wie man es machen könnte?

Julia und Maya Onken haben zahlreiche Problemfelder angesprochen und damit eine Diskussion in Gang gebracht, die – hoffentlich – noch lange anhält und nicht zuletzt auch zu besseren Bedingungen führt.

Angaben zum Buch:
Hilfe, ich bin eine emanzipierte Mutter
Ein Streitgespräch zwischen Mutter und Tochter
Julia und Maya Onken
Beck’sche Reihe Nr. 1710 (TB)

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