Sa, 03.03.2007
Jahrgang 8, Nr. 2619
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Das gegnerische Komitee von CVP,FDP und FDP ermöglichte eine öffentliche Diskussion zum Thema Pflegesituation nicht nur mit dem Befürwortern unter Stadträtin Barbara Gysi, auch Fachpersonen konnten unter der Moderation von Hanspeter Spörri ihre Meindungen einbringen.
Alterspflege: Sich veränderten Bedürfnissen stellen
Die Alterspflege aus einer tieferen Betrachtung über alle Angebote zu prüfen, dies fordert das überparteiliche Komitee, bevor ein Projektkredit für das Pflegeheim gesprochen wird.

28.02.2007, Niklaus Jung
Dem Sanierungs- und Erweiterungsprojekt „kirk“ für das Pflegeheim Wil erwächst Opposition. Nicht das Bedürfnis nach neuen Plätzen für Betagte ist in der Kritik, es müssten aktuelle Alternativen geprüft werden, reine Pflegeheime seien ein Auslaufmodell. Das gegnerische, überparteiliche, Komitee sorgte in der Tonhalle Wil für eine öffentliche contradiktatorische Auseinandersetzung. Stadträtin Barbara Gysi sieht trotz Alternativen keinen Grund für eine Neubeurteilung, das Projekt „kirk“ erfülle die aktuellen Anforderungen.
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Die Alternativen zum Projekt "Kirk", unter Berücksichtigung der gesamten Altersbetreuung von Stadt und Region, stellten Fabienne Meyenberger und Fredy Rüegg von der CVP vor.
Stadträtin Barbara Gysi verteidigte das Projekt "Kirk" (Sanierung und Erweiterung Pflegeheim) als geeignete Lösung.
Gesundheitsökonom Willi Oggier suchte die verschärfte Situation in der Unterversorgung von psychisch kranken Betagten klar zu machen, die fachliche Nähe wäre auf dem Klinikareal optimal.
Eigentlich ist es unüblich, dass eine parlamentarische Vorlage in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Bekanntlich wird nämlich das Parlament am 1. März abschliessend darüber entscheiden, ob das Sanierungs- und Erweiterungsprojekt Pflegeheim Wil mit einem Kredit von 750'000 Franken in die Projektphase gehen soll. Das gegnerische Komitee, bestehend aus Personen aus der CVP, FDP und SVP/SD, will eine Zurückweisung an den Stadtrat, es müssten Alternativen geprüft und eine Gesamtschau über die Alterspflege in Stadt und Region erstellt werden.

Offensichtlich, um dem Eindruck „gegen neue Pflegeplätze zu sein“ zu vermeiden, lud das Gegenkomitee unter Leitung der CVP zu einem öffentlichen Diskussionsabend ein, wo sich Befürworter und Gegner offen aussprechen konnten. Die Zusammensetzung des Podiums, unter der bereits bewährten Leitung des unabhängigen Journalisten Hanspeter Spörri, erlaubte zusammen mit dem Publikum eine ausgewogene Diskussion. Dem Beharren auf dem Projekt „kirk“, es erfülle die zukünftigen Anforderungen an die Alterspflege, steht eine Alternative gegenüber. Die Alterspflege soll mit der bereits auf dem Areal der Psychiatrischen Klinik Wil stehenden Dement-Abteilung verbunden werden, im jetzigen Pflegeheim könnten Alterswohnungen verbunden mit einer Pflegewohnung eingerichtet werden.

Zuerst offene Fragen klären
In der Eröffnung des Diskussionsabends machte CVP-Gemeinderätin Fabienne Meyenberger vorweg klar, dass das Bedürfnis der Sanierung des Pflegeheims unbestritten sei. Heute wollten sie vom Komitee aufzeigen, dass aber vor der Zustimmung zum Projektkredit eine Reihe von offenen Fragen geklärt werden müssten. Zuviel Geld stehe auf dem Spiel. Beim Pflegeheim seien 15 Mio vorgesehen, die Sanierung des Alterszentrums Sonnenhof erfordere weitere 10 Mio und die Anforderungen an die Alterspflege seien derart im Umbruch, dass eine Neubeurteilung über den ganzen Bereich voraus notwendig sei.

Mit Willi Oggier hatten die Gegner einen Gesundheitsökonomen eingeladen, welcher einen kompetenten Ausblick über die Entwicklungen bei der Alterspflege geben konnte. Oggier wies insbesondere darauf hin, dass mit dem Projekt „kirk“ ein Entscheid falle, welcher wieder über 20 bis 25 Jahre herhalten müsse. Weil die Menschen erst im hohen Alter zur Pflege eintreten, ständen auch andere Bedürfnisse zur Diskussion. Die Menschen wollten grundsätzlich nur soviel Pflege wie nötig, aber es gelte auch die Unterversorgung aus psychischer Sicht zu verbessern. Seine Aussagen belegte Oggier aus belegten Zahlen anderer Pflegeregionen.

Oggier warnte eindrücklich davor, dass die gestiegenen Anforderungen an die Schwerst-Pflege die heutigen Pflegepersonen an den Anschlag bringe. Der Bedarf an psychiatrischer Betreuung bei Depression und weiteren psychischen Erscheinungsbildern dürfe nicht einfach mit allgemeinen Medikamenten angegangen werden, die Häufigkeit solcher Erkrankungen sei gestiegen. Die Nähe zur Psychiatrie, in Wil wäre das ein Glücksfall und würde eher zu einem Rückgang beim Medikamentenbedarf führen, dazu gebe es belegte Zahlen. Weiter gebe es klare Indizien, dass die Vernetzung mit anderen Anbietern bei der Pflege auch aus finanzieller Sicht notwendig sei.

„Projekt ‚kirk’ erfüllt Anforderungen“
Stadträtin Barbara Gysi, zuständig für die Alterspflege, wies auf die Grundlagen des Projektes „kirk“ hin, es basiere auf dem Altersleitbild 1995 und dem Konzept Wohnen-Betreuung-Pflege im Alter aus dem Jahr 2002. Die Bedarfsabklärung an Betten sei auf dem Stand 2005 aktualisiert. Gysi wies insbesondere darauf hin, dass im Projekt ebenfalls die übrigen Angebote im Alter berücksichtigt seien.

Der Bedarf sei mit 40 zusätzlichen Pflegeplätzen gemäss kantonalen Vorgaben ausgewiesen. Dies müsse einerseits in Pflegewohnungen erfolgen, andererseits in der Sanierung des Pflegeheims mit neuer Dementwohngruppe für 8 bis 10 Plätze. Dazu gehöre auch der Umbau des Alterszentrums Sonnenhof für Pflege. Der Zweckverband mit heute noch 4 Gemeinden funktioniere seit 1978 mit 72 Betten und 11 Plätzen Betreutes Wohnen, überaus effizient, die durchschnittliche Belegung mit 98 Prozent und die gute Finanzlagen bestätigten dies.

Die Unsicherheit verlangt Neubeurteilung
Den Marschhalt bei der Projektkreditvergabe zur Erweiterung des Pflegheims begründete in der Folge Fredy Rüegg (CVP). Die bevorstehenden Investitionen, Sonnenhof 10 Mio, Pflegheim 15 Mio, erforderten überzeugende Grundlagen. Die Austritte aus dem Zweckverband Pflegheim seitens Kirchberg, Jonschwil und wohl auch Zuzwil, wie auch die gestiegenen Anforderungen an die Pflege selber hätten im Parlament zu Unsicherheiten geführt, die Folge sei im September die Rückweisung der Vorlage an die Kommission gewesen.

Nachdem die parlamentarische Kommission erneut nicht auf Alternativen eingehen und das Projekt durchziehen wolle, hätten sie sich vom Komitee zum Gang an die Öffentlichkeit entschlossen. Ein halbwegs abestützter Projektkredit wäre eine schlechte Ausgangslage für den millionenschweren Baukredit, eine Volksabstimmung könnte das definitive Aus bedeuten. Nur wäre dann viel mehr Zeit verstrichen, und ein Haufen Geld verpufft. Die Schlaufe der Neubeurteilung sei zeitlich verkraftbar und stelle das gewählte Projekt auf sichere Füsse.

Das Modell: Institutionsübergreifende Synergien
Das Komitee zeigte in der Folge seine Vision auf, welche durch gezielte Rücksprachen durchaus Realitätscharakter aufweist. Das Pflegeheim soll eine neue Zweckbestimmung erhalten und auf dem Areal der Psychiatrischen Klinik realisiert werden. Das Alterszentrum Sonnenhof soll zu einem Zentrum „Wohnen im Alter“ werden. Die Idee habe auch einen Ausbau als Wohnresidenz mit Hotellerie- Service zum Inhalt. In Bronschhofen sollen, ähnlich wie Wilen, Alterswohnungen mit integrierter Pflegewohnung entstehen.

Das heutige Pflegeheim beim Spital soll auf zwei Geschossen in Alterswohnungen umfunktioniert werden, dazu könne eine Pflegewohnung mit 13 bis 15 Betten realisiert werden. Ein Geschoss könne seitens des Spital Wil als Rehabilitationssstation genutzt werden mit bis zu 15 Betten. Auch für Büro und Infrastrukturräume sei noch Platz vorhanden.

Das Klinikareal biete sich mit dem Haus 09 geradezu an, dort seien 72 Betten eingerichtet, Bütschwil habe das Haus als Ausweichstation während dem Bau genutzt. Im gleichen Haus seien auch 20 Betten für Demente eingerichtet. Die Vorteile stehen auch finanziell zur Debatte, das Haus könnte durch die Stadt und Region als Pflegezentrum genutzt werden, dies ohne eigene Investitionen (15 Mio), die Abgeltung würde über die Pflegetaxe erfolgen. Die Mitarbeiter des heutigen Pflegeheims könnten übernommen werden. Neben den finanziellen ergäben sich auch fachliche Vorteile. Die Klinik verfüge über eine hohe Kompetenz in Pflege und Betreuung von gerontopsychiatrischen Patienten auf.

Pro und Contra in der Diskussion
In der Podiumsdiskussion gab die Stadträtin zu verstehen, dass die Vision ein totales Umkrempeln der Alterspflege zum Inhalt habe, das sei nicht nötig. Synergien auf der Ebene der Klink könnten auch ohne Umzug genutzt werden. Ein weiteres Hinauszögern des Projektes sein nicht verantwortbar. Auch seitens des Betriebsökonomen Hans Wetter, er begleitet das Projekt „kirk“, wurde die Neubeurteilung als unnötig bezeichnet.

Mit deutlichen Worten für eine Neubeurteilung sprachen sich die Gemeinderäte Markus Hilber (FDP) und Klaus Rüdiger (SVP) aus. Hilber: „Die Bedürfnisse haben sich geändert, das darf nicht einfach übergangen werden. Es geht um die Ermöglichung von Mehrwert beim ‚Wohnen im Alter’“. Klaus Rüdiger gestand ein, dass die Reaktion auf das Projekt sehr spät komme, aber das widerspiegle genau das Problem. Eine Öffnung bei der Fragestellung rechtfertige sich, die geforderten 25 Mio total seien viel Geld, eine Gesamtschau nötig.

Keine Psychiatrierung
In der Folge wollte auch der in die Vision eingebundene Klinikdirektor Josef Fässler mit Halbwahrheiten aufräumen. Es sei für ihn unverständlich, weshalb man auf das erneute Angebot und die Rückfrage ihrerseits bei der Stadt nicht eingegangen sei. Die Vorteile lägen in der besseren Vernetzung und dem finanziell günstigeren Einstieg auf der Hand. Die bessere Vernetzung von Pflege, Spital, Alterszentrum und Klinik sei aus heutiger Sicht gefordert.

Er könne beruhigen, dass hier nicht etwa eine Psychiatrisierung der Pflege stattfinden werde. Bütschwil habe mit der Verlegung ihres Pflegeheimes auf das Klinikareal gute Erfahrungen machen können. Überdies könne davon ausgegangen werden, dass der Kanton die Finanzierung ermögliche, abgegolten über die Taxe oder die Gemeinden.

"Grösse für Neubeurteilung gefordert"
Aus dem Publikum kamen verschiedene Voten für das Projekt „kirk“ wie auch die Neubeurteilung der Ausgangslage. Auch wollten die mit dem Klinikareal verbundenen Emotionen nicht verschwiegen werden. Dazu stellte Oggier fest, dass Angriffe auf die Klinikatmosphäre ungerechtfertigt seien, gerade Wil präsentiere sich mit besonders ausgeprägter Öffnung.

Abschliessend forderte das Komitee, dass die Antworten auf die gestellten Fragen vor einem Projektentscheid folgen müssten. Auch Hilber forderte von den Befürwortern Grösse, einer Standortbestimmung Hand zu bieten. Klaus Rüdiger wies darauf hin, dass sich eine erste Rückweisung für diese Diskussion gelohnt habe. H. Wetter, Projektberater von „kirk“, forderte die Realisierung und gleichzeitige Prüfung der Alternativen. Gesundheitsökonom Willi Oggier wies darauf hin, dass eine Realisierung von „kirk“ nur mittels Scheinfakten zu rechtfertigen sei.

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Ein Kommentar:
Dem Schreckgespenst „Psychi“ entgegenwirken
Das Festhalten am Sanierungs- und Erweiterungsprojekt Pflegheim „kirk“ seitens des Stadtrates und weiteren Befürwortern konnte man durchaus nachvollziehen. Einen ersten Achtungserfolg holten sich die Befürworter der Neubeurteilung, indem sie sich mit nur einer visionären Idee an die Öffentlichkeit wagten.

Je länger man aber der Diskussion folgte, spürte man eine andere Erscheinung heraus, das Schreckgespenst „Psychi“. Da kamen plötzlich offene Wortmeldungen daher, dass das Klinikareal mit Emotionen geladen sei, welche nicht jedermann Sache sei. Den wohl eigenartigsten Höhepunkt besorgte eine Wortmeldung, dass er sich nicht vorstellen könne, die Eltern auf dem Psychiareal zu platzieren.

Wer sich heute noch von solchen Emotionen leiten lässt, macht es dem psychisch kranken Menschen nochmals schwerer, zu seiner Behinderung öffentlich zu stehen. Die Psychiatrische Klinik hat zwar keine Mauern und Gitter mehr, aber gedanklich sind bei verschiedenen Leuten offensichtlich noch immer hohe Mauern vorhanden. Die Städter, voraus das Parlament, dürften gerade ob solchen Gedankengängen gefordert sein, erst recht diese Alternative zu prüfen, ganz im Sinne der Akzeptanz des psychisch kranken Menschen.
Niklaus Jung

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